Orientierung in schwierigen Zeiten
Unter diesem Titel organisierte die Gießener Ortsgruppe der Universal Peace Federation Deutschland e.V. (UPF) am 27. Juni 2009 in den Räumen der Familienföderation in Linden ein Symposium. Dazu waren zwei Referenten eingeladen, denen es gelang die zahlreichen Besucher bei Laune und Interesse zu halten.
Nach zwei sehr schönen musikalischen Darbietungen des Jugendchores der Familienföderation erging das Wort zuerst an den Vorsitzenden der Familienföderation e.V. aus Stuttgart, Karl-Christian Hausmann, der zum Thema „Finanzkrise oder Wertekrise“ referierte. Hausmann beleuchtete zunächst den Verlauf der gegenwärtigen Finanzkrise und zeigte fundiert und gut verständlich auf, dass diese Krise nicht nur ein Problem für Millionäre ist. Der Referent erläuterte anschließend, wie sich die UPF versucht einzumischen, wenn sich beispielsweise die 20 führenden Industrieländer der Welt treffen. So geschehen, anlässlich des G-20 Gipfels im April 2009 in London, wo die UPF darauf hinwies, dass die Wurzel des Problems mindestens ebenso in einem moralischen, man könnte auch sagen geistigen Versagen, wie in finanziellem und regierungsamtlichen Missmanagement läge. Wirtschaft, Handel und Finanzen sind eingebettet in den größeren Bereich der Kultur oder des Ethos, das in den besten historischen Epochen auch den Rahmen für unser tägliches Handeln geliefert hat. Die G-20 müssen daher tiefer nachdenken über die moralische und geistige Infrastruktur, die die Grundlage unseres Lebens ausmache. Aus diesem Verständnis heraus hat die UPF-International drei Empfehlungen an die Teilnehmer der G-20 in London abgegeben.
Zu dem dritten Punkt sprach Hausmann besonders engagiert und ausführlich, nicht nur in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Familienföderation, sondern besonders auch als Familienvater von drei Kindern. Die klassische Familie ist in Deutschland tatsächlich bedroht und schon fast die Ausnahme. Durch die vielen Details des Vortrages wurde klar, dass es in der Allgemeinheit eigentlich schon ein ziemlich hohes Bewusstsein über die Werte geben müsste, die offensichtlich helfen könnten Krisen zu vermeiden. Aber gleichzeitig scheint das nicht auszureichen. Deshalb sei es an der Zeit, dass Familien gesellschaftspolitisch und strukturell deutlich mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen sollten, denn der Staat und die Wirtschaft lebten von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen könnten.
Zum Schluss bemerkte Herr Hausmann noch, dass geistliche Persönlichkeiten in den USA schon nach dem „Schwarzen Montag“, dem Crash des Welt-Aktienmarktes am 19. Oktober 1987, vor einer noch größeren und länger anhaltenden Krise warnten.
Aus dem Publikum verwies eine islamische Frau auf die ethischen Grundsätze bezüglich Finanzangelegenheiten im islamischen Wertesystem.
Nach einer kurzen Pause ergriff der zweite Referent, Herr Francesco Conidi, ein Philosoph, der in Köln als Lehrer tätig ist, das Wort.
Sein Thema war „Der Mensch am Scheideweg - Anthropologische Perspektiven einer Krise“. Herr Conidi verdeutlichte erst einmal die Ernsthaftigkeit dieses Themas anhand von historischen Ereignissen, ohne dabei Pessimismus zu verbreiten. Schon im 1. Jahrhundert vor Christus erlebte Rom eine Finanzkrise. Die Maßnahmen, die dagegen ergriffen wurde, waren weit drastischer als heutige Rettungspakete, nämlich Krieg – ein Mittel, das die Römer besser beherrschten als alle anderen. Conidi gab noch weitere detailreiche, geschichtliche Einblicke von der Tulpenzwiebelspekulation in Holland von 1637 bis zur Weltwirtschaftskrise von 1929. Die Ereignisse zeigten, dass sich die Geschichte doch wiederholt – und zwar immer dann, wenn der Mensch aus seinen Fehlern nichts gelernt hat. Daher ist die Frage nach der Rolle des Menschen und seinem Verhalten in Wirtschaft und Handel von zentraler Bedeutung und noch nie war sie so brisant wie zu dem jetzigen Zeitpunkt. Conidi's Ausführungen reichten von neoklassischen Wirtschaftstheorien über den ethischen Utilitarismus mit vielen, zu dem Thema passenden Aspekten, wie beispielsweise dem Drama von Arthur Miller „Tod eines Handlungsreisenden“ aus dem Jahre 1949, bis zur „Phänomenologie des Glücks“.
Obwohl es in der philosophischen Anthropologie keine einheitliche Idee vom Menschen gibt, zeigte Conidi sehr spannend die komplexen geschichtlichen Zusammenhänge auf – bis zu der heute allgemein bekannten Auffassung: Menschliches Handeln führt zu dem berechtigten Glück, wenn es auf Miteinander anstatt Gegeneinander, Kooperation, Solidarität, Respekt und Empathie basiert; wenn durch mein Handeln das Wohlergehen meiner Mitmenschen mir mindestens so wichtig ist wie mein eigenes.
Mit einer Aussage von Dietrich Bonhoeffer, - dass es kaum ein beglückenderes Gefühl gäbe als zu spüren, dass man für einen anderen Menschen etwas bedeute, es dabei gar nicht auf die Zahl der Menschen, sondern auf die Intensität ankäme; schließlich seien eben die menschlichen Beziehungen das Wichtigste im Leben – leitete der Sprecher den Blick auf theologische Aspekte und stellte die Frage, was den Menschen wirklich glücklich mache?
Dem aufmerksamen Zuhörer dürfte nicht entgangen sein, dass in Conidi's Vortrag ein glaubhafter roter Faden, hin zum eigentlichen „Menschsein“ erkennbar wurde – nämlich, dass durch Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe die Lösung, oder vielleicht sogar die endgültige Vermeidung von Krisen eine echte Chance hätte. Sehr gut ausgewählte Zitate unter anderen von Augustinus, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche bis Robert Spaemann markierten wichtige Aussagen und wem das alles nicht genügte, der fand schlussendlich einen Hinweis auf Matthäus 22, 37-39, dem Gebot der Gebote im Neuen Testament. 