Interreligiöser Nachmittag zum Thema „Gibt es ein
Leben nach dem Leben?“ oder „Was passiert, wenn ich sterbe?“ -
24.
Nov. 2007, Gießen
Der Tod
als unausweichliches Schicksal eines jeden Menschen hat schon immer große
Fragen aufgegeben. Die großen religiösen Traditionen versuchen auf ihre Weise,
Antworten zu geben, während die Naturwissenschaften bis heute erstaunlich wenig
dazu zu sagen haben. In Gießen sprachen dazu vier Vertreter aus dem
Christentum, dem Judentum, dem Islam und der Vereinigungsphilosophie.
Angefangen hat Herr Städtler, ein Vertreter des
Christentums. Die christlichen Vorstellungen zu dem Thema hier waren strikt aus
der Bibel entnommen und sollten auch wörtlich so verstanden werden. Ein ‚Leben
danach’, - auch ‚ewiges Leben’ genannt, können demnach nur die erwarten, die
Jesus in ihrem irdischen Leben persönlich angenommen haben. Alle anderen, die
die Gelegenheit zur Bekehrung hatten, aber sich dagegen entschieden, sind
‚verloren’; für sie ist das Tor sozusagen ewig verschlossen, sie können
höchstens „zum Fenster hineinschauen und
denen zusehen, die in der Herrlichkeit beim Festmahl schwelgen“. Bei der anschließenden Diskussionsrunde
sprachen sich etliche gegen diese Vorstellung von ‚ewiger Verdammnis’ aus, aber
scheinbar ist das eben nicht anders aus der Bibel zu verstehen, wenn man sie
wortwörtlich nimmt. Da jedoch selbst die orthodoxeste Tradition nicht ohne
Interpretation auskommt, dürfte auch diese Bibelaussage je nach Blickpunkt
unterschiedlich verstanden werden können.
Dann erläuterte Frau Dr. Preußer-Franke die Vorstellungen
des Judentums zu diesem interessanten Thema. Aus der Thora geht bei Salomon
hervor, dass die Seele die ‚Kerze Gottes’ ist. Das bedeutet, dass Gott die
Seele auf diese Welt hinunterschickt, um wie mit einer Kerze die spirituelle
Dunkelheit durch eben diesen Menschen, in dem die Seele wohnt, zu erhellen.
Dieser Mensch (=jeder Mensch) hat also eine ganz bestimmte Aufgabe, etwas Gutes
zu tun, nämlich Licht zu verbreiten. Nach kurzem Aufenthalt kehrt die Seele wieder
zu ihrer himmlischen Wohnstätte zurück, wo sie für ihre Arbeit dadurch
‚belohnt’ wird, dass sie in eine entsprechend hohe Ebene eingehen darf. Ohne
dass es in den Heiligen Schriften (Thora, Talmud, etc) ein direkte Abhandlung
darüber gibt, sprechen berühmte Rabbiner des Chassidismus vom ‚Schaar
HaGilgulim, dem Tor der Wiedergeburt’, also vom Prinzip der Reinkarnation. Dazu
gab es natürlich in der anschließenden Diskussionsrunde noch viele Fragen, vor
allem zu der Vorstellung, dass am Ende, wenn der Messias wiederkommt, alle
Seelen wieder in ihren ursprünglichen physischen Körper kommen. Man möge sich
aber um die Einzelheiten und ungelösten Probleme der Reinkarnation nicht allzu
viel Gedanken machen, denn „Die verborgenen Dinge sind für Gott, und die offenbarten
Dinge sind für uns und unsere Kinder“(5 Mos 29,28).
Herr
Majeed führte dann in die Gedankenwelt des Islam, genauer der
Ahmadiyya-Bewegung, einer islamischen Reformgemeinde, die 1889 von Hazrat Mirza
Ghulam Ahmad auf Gottes Geheiß in Indien gegründet wurde, und die den
ursprünglichen Islam nach dem Motto „Liebe für alle, Hass für keinen“
reformieren und weltweit verbreiten will. In Deutschland hat die Bewegung nach
eigenen Angaben etwa 30.000 Mitglieder. Danach ist das Leben nach dem Tod eine
Widerspiegelung des (geistigen) Lebens auf Erden. Die Folgen davon werden dann
„in ihrer wahren Dimension erfahren“. Wer also hier geistig blind gelebt hat
und nur physische Interessen hatte, wird dort wirklich blind sein und seine
ehemals physischen Begierden als wirkliches Angekettet-sein erfahren. Andere
werden sich der Weiterentwicklung erfreuen, eines spirituellen Aufstiegs, der
ohne Ende ist. Das Wort ‚Grab’ in den Schriften ist demnach auch kein Ort,
sondern bezeichnet einen Zustand des Menschen und Auferstehung bezeichnet die
Verfeinerung des geistigen Leibes in immer feinere Substanzen, bis die Seele in
Gott (=Paradies) ruht. Leider musste Herr Majeed in der Diskussionsrunde schon
früh gehen, so dass nicht mehr alle offenen Fragen dazu angesprochen werden
konnten. Ein anderer Gast, Frau Nahali, übernahm es dann Fragen von der mehr
traditionellen Auslegung des Koran her zu beantworten, wobei sie uns alle mit
der Aussage überraschte, dass der zurück erwartete Messias im Islam Isa oder
eben Jesus sei, der nicht am Kreuz starb (ein anderer wurde an seiner Statt
gekreuzigt), sondern von Gott so in den Himmel geholt wurde, von wo er dann
wiederkommen wird (die Ahmadiyya-Bewegung glaubt übrigens, dass Jesus 120 Jahre
alt wurde und in Indien starb, wo auch sein Grab sein soll). Für Frau Nahali
gibt es laut Koran keine Möglichkeit mehr als Verstorbener etwas an seinem
Zustand zu ändern, außer dadurch, dass Nachkommen und Angehörige für den
Verstorbenen beten und an seiner Stelle bewusst entsprechende Gebote erfüllen,
z.B. die vorgeschriebene Pilgerfahrt nach Mekka, wenn er sie hätte tun können,
aber nicht getan hat (dass solche Gebete und guten Taten etwas für die
Dahingeschiedenen bewirken, glauben übrigens auch die Juden und ja auch die
Katholiken!).

Helmut Hoffmann und Anne Sölva
UPF-Ortsgruppe Gießen